Archiv für Momente

Morgen

Posted in Allgemein with tags , on 31. Januar 2010 by Karin Wess

Seit Janas Diagnose ist es mir kaum mehr passiert. Ich kann mich eigentlich gar nicht so recht daran erinnern, seit 16. Jänner 2009 überhaupt wieder irgendetwas auf „morgen“ verschoben zu haben. Nein, ich habe seitdem immer alles gleich gemacht. Ob es der Abwasch war, Staubwischen, eine Freundin anrufen von der ich schon lange nichts mehr hörte, mir ein Buch kaufen oder einfach meine Gedanken niederzuschreiben.

Nein, es gibt keinen Moment, an den ich mich bewusst erinnern kann in dem ich etwas auf „morgen“ verschob. Bis auf einen. Ein winzig kleiner Augenblick. Es war vorgestern. Jana lag gerade so süß neben mir und ich wollte sie einfach nur in den Arm nehmen. Hoch nehmen, sie an mich drücken, in ihrer unglaublich eigenwilligen Frisur stöbern und ihre kleinen Finger berühren. Wollte ihren Atem nicht nur sehen, sondern spüren, ihre Wärme wahrnehmen und ihr von meiner etwas abgeben. Doch ich zögerte. Verharrte einfach bei dem Anblick und verschob es dann doch auf morgen. Ich wollte sie nicht wecken.

Über den Moment hinaus denken

Posted in Allgemein with tags , , , , , on 1. November 2009 by Karin Wess

Meine Beziehung ist großartig, wunderschön – ja, sogar kitschig! Der Liebe wegen bin ich – auf den Tag genau vor 4 Jahren – aus Wien weggezogen, habe den Job gewechselt, mich in einer neuen Stadt eingelebt und bin endlich zu Hause angekommen. Ja, meine Beziehung ist das, wovon ich immer geträumt habe. Nach langer Suche hatte ich sie gefunden: die wahre Liebe.

Doch Janas Krankheit zehrt an unserem Vorrat an schönen Tagen die uns zur Verfügung stehen, sie zerrt an der Liebe und drängt sich oft zwischen uns. Mal kommt der Müll dazwischen, mal die Waschmaschine. Kleinigkeiten, die bis jetzt bei uns Anlass zum Blödeln waren, geben nun Anlass zum Streit.

Und dennoch… er ist der Mann in meinem Leben, den ich nicht missen möchte. Er ist der jenige, mit dem ich (noch immer) alt werden möchte, und er ist derjenige der das selbe Leid auf so unterschiedliche Art erlebt wie ich.

Die Verletzungen die gerade zwischen uns geschehen, tun zwar weh, aber sie sind vergänglich. Darum hilft es mir immer wieder daran zu denken, was Roman Braun in seinem Blog schreibt: „Über den Moment hinaus denken: Das hilft in schlimmen Momenten, weil es an ihre Vergänglichkeit erinnert, und es hilft in den besten Momenten aus dem gleichen Grund.“

Das verrutschte Bild

Posted in Allgemein with tags , , , , , on 8. September 2009 by Karin Wess

Oder: In manchen Augenblicken ist alles so real.

Letzten Sonntag war es, es sollte ein gemütlicher Familien-Sonntag werden. Doch ich saß nur im Garten, tränenüberströmt und einsam wie selten zuvor. Aber der Reihe nach.

Alle waren da. Endlich mal wieder. Ich hatte mich sehr gefreut auf diesen Tag, doch beim Essen geschah es. Mein Blick fiel auf die Wand gegenüber. Die „Ahnengalerie“. Fotos aller Kinder, Enkelkinder, der Familie und Freunde. Darunter auch ein Bild von Jana. Doch genau dieses Bild war es, das mich nicht mehr los ließ. Eines der wenigen noch ungerahmten Bilder, eingeklemmt hinter dem Rahmen eines anderen. Weiter kein Problem. Doch Janas Bild war verrutscht. Alles was noch sichtbar war, war ihr kleiner Arm und das Gelb ihres Stillkissens in das sie eingekuschelt war. Es war weniger das, was ich sah, als das was ich nicht sah. Ihr Gesicht. Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen. Es war verrutscht, hinter den Rahmen des anderen Bildes.

Und da wurde es mir klar: Es würde der Tag kommen, an dem ich ihr kleines Gesicht nicht wieder sehen konnte. Nie wieder. Es würde eines Tages verschwinden. Ganz. Vollkommen. Unwiderbringlich.

Ich musste nur noch weg. Weg von diesem Gedanken, weg von dem verrutschten Bild und hin zu Jana, ihr Gesicht sehen, sie berühren, sie einschließen – alles gerade rücken. Doch sie war nicht da. Sie war nicht bei mir. Sie war 200 km weit weg und alles was mir blieb war der Himmel, ein Rosenbusch, meine Tränen, die Sehnsucht nach ihr und die Angst, alleine zu sein.

Wenn die Realität plötzlich real wird und man seine Ängste spürt, spürt man aber auch die Liebe. Die Liebe und diese unzerstörbare Verbindung. Eine Verbindung, die auch nach dem Tod noch bestehen wird. Ganz und vollkommen.

Besondere Eltern

Posted in Allgemein with tags , , , on 17. August 2009 by Karin Wess

So oft habe ich schon gehört, dass besondere Kinder auch besondere Eltern haben. Sie würden sich nur jene Eltern aussuchen, die auch stark genug wären, diesen Weg mit ihnen zu gehen. Eltern also, die die Kraft haben, all das auf sich zu nehmen und dennoch unendlich viel Platz für die Liebe zu ihren Kindern im Herzen haben, ungeachtet der Last die sie selbst tragen. Doch unlängst hörte ich einen Papa sagen: „Ich will gar nicht besonders sein!“

Sein Wunsch, nach einem gesunden, völlig „gewöhnlichen“ Kind, das es ihm erlaubt, ein ebenso gewöhnlicher Papa zu sein, ist nicht nur nachvollziehbar, sondern gleicht dem innigsten Herzenswunsch aller Eltern.

Dennoch, diese spezielle Aufgabe anzunehmen, bedarf einer besonderen Stärke und Willenskraft. Zu leicht könnte er auch aufgeben, einfach gehen und alles hinter sich lassen. Doch er stellt sich. Stellt sich und seinen Ängsten und ist dadurch auch empfänglich für die schönen Momente. Jene Momente, die sich unvergleichlich tief einbrennen in die Herzen und für immer vorhanden sein werden. Momente, die oft so klein und kurz sind, dafür aber umso intensiver erlebt werden. Besondere Momente eben. Für besondere Eltern.