Archiv für Hoffnung

Hinter dem Horizont

Posted in Allgemein with tags , , , on 17. März 2010 by Karin Wess

Jana hatte trotz ihrer schrecklichen Diagnose das unsagbare Glück, nicht alle „typischen“ Krankheitsmerkmale durchleben zu müssen. So durfte sie bis zum Schluss allem Blödsinn lauschen, den ich ihr im Lauf des Tages erzählte und hörte auch jedes liebevolle Wort, das ich ihr zuflüsterte, während ich ihre Hand hielt oder wir kuschelten.

Es gab keinerlei epileptische Anfälle und sie nahm seit Oktober im Grunde keine Medikamente mehr (nur ausnahmsweise ein wenig Schlafmittel für die Nacht).

Sie hat lieber an Pikantem als an Süßem genascht und hat sogar Bananen gekostet. Sie liebte das Baden und noch mehr meine Kopfmassage, die es nicht nur in der Badewanne gab. Sie seufzte so unglaublich süß wenn sie zufrieden war und ließ uns deutlich merken, wenn etwas nicht in Ordnung war.

Auch ohne Worte sprach sie so viel mit mir und blickte ebenso in mein Herz. Ich weinte mit ihr und um sie. Jetzt mehr denn je.

Dennoch bin ich dankbar, dass sie sich entschieden hatte für eine so lange Zeit bei uns zu bleiben und nicht schon im April 2009 zu gehen. In meinem Herzen wird sie immer eine unendliche Lücke hinterlassen, die sich niemals schließen wird. Doch gemeinsam mit ihr, werde ich eines Tages wohl meinen Weg zu ihr zurück finden. Denn vielleicht sehen wir uns hinter dem Horizont wieder.

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Sonnenkind statt Schneeprinzessin

Posted in Allgemein with tags , , , , on 21. Dezember 2009 by Karin Wess

Vor ein paar Tagen war es endlich soweit – der erste Schnee in diesem Winter. Die Stadt war angezuckert und die Grashalme steckten unter einer weißen Decke. Jana lag, wie jeden Tag nach dem Aufstehen, auf ihrer giftgrünen Lillylin Lounge Liege. Im schicken Body und gestreiftem Shirt mit passender Hose und mädchenhaften Söckchen lauschte sie den Dingen, die um sie herum passierten. Und als die Ernährungspumpe weiterhin mit ihrem Frühstück beschäftigt war, wurde der weiße Flaum der Stadt immer dichter und dichter. Ja, Frau Holle war richtig fleißig.

Wie jedes Jahr konnte ich den ersten Schnee kaum erwarten. Ich freute mich und lächelte und war für einen Moment unglaublich glücklich. Ich erzählte Jana von dem bezaubernden Anblick und versuchte ihr, die Geschehnisse zu beschreiben. Doch noch während die Schneeflocken tanzten, fing ich an zu weinen. Denn sie konnte sie nicht sehen. Sie konnte nicht durch den Schnee laufen und mit Papa einen Schneemann bauen. Kein Schlittenfahren und auch keine Schneeballschlacht. Keine Zimtsterne und keine heiße Schokolade zum Aufwärmen.

Und während ich trauriger und trauriger wurde, sagte Janas Papa zu mir: „Warum bist du traurig? Jana ist doch sowieso viel mehr ein Sonnenkind als eine Schneeprinzessin!“

Wie recht er doch damit hatte! So viele Bilder entstehen in unseren Köpfen. Manche machen uns glücklich, doch so viel mehr machen uns betrübt. Doch wenn wir die Gedankenbilder gehen lassen, eröffnet sich der Blick für das Tatsächliche. Und dadurch konnte ich sehen, dass es Jana an diesem Tag richtig gut ging und sie meine Wärme und Liebe weitaus mehr genoss als die Schneeflocken vor dem Fenster, die sie ja noch nicht mal kannte.

In dere Ruhe liegt der Schmerz

Posted in Allgemein with tags , , , , on 5. Dezember 2009 by Karin Wess

Ich stürze mich schon seit Wochen in die Arbeit, treibe ein Projekt nach dem anderen voran. Lasse keine Zeit für Trägheit, für Gedanken, schon gar nicht für mich selbst.

Das Einzige was ich sehe, ist das Voranschreiten der Krankheit. Und mit jedem neuen Bild ziehe ich mich mehr und mehr zurück. Lass die Arbeit überhand nehmen. Von erholsamem Schlaf kann ich noch nicht mal träumen. Dringenst bräuche ich ein wenig Auszeit und doch kann ich sie nicht nehmen, denn sobald ich zur Ruhe komme, kommt auch der Schmerz, kommt die Angst, kommen die Tränen. Ein Schmerz der scheinbar unermesslich scheint und dennoch weiß ich, er wird wohl noch größer.

So sehr hoffe ich, dass ich dann, eines Tages, wann auch immer, die Kraft habe, all dies zuzulassen. Dem Schmerz die Stirn zu bieten um all den schönen, liebevollen Erinnerungen Platz zu machen und zu wissen, dass wir dadurch für immer verbunden sein werden.

Ein paar Wünsche

Posted in Allgemein with tags , , , on 7. November 2009 by Karin Wess

Wenn ich einen Brief an’s Christkind schreiben könnte, hätte ich nicht viele Wünsche. Nur vielleicht das Jana nochmals die Sonne sehen kann, dass sie mich ein Mal noch anlächeln und in ein paar Wochen dann Weihnachtskekse naschen kann. Denn die Sonne hat sie das letzte Mal ziemlich zeitgleich mit ihrem letzten Lächen gesehen, am 24. Februar.

Doch egal, ob ich diesen Brief schreibe oder nicht, egal ob ich einen oder hunderte abschicke, all das wird nie passieren. All das dürfen wir nicht gemeinsam erleben. Was uns bleibt sind unvergessliche Momente und die Hoffnung, sie eines Tages wieder zu sehen. In meinen Träumen, in meinen Gedanken, zwischen den Sternen und vielleicht in einer anderen Welt, einem anderem Leben.

„Die Zeit vergeht so schnell“, höre ich die Menschen oft sagen. Doch was scheinbar schnell vergeht, ist lediglich unsere Erinnerung, das Festhalten all der kleinen wunderbaren Dinge die jedem von uns täglich passieren. Doch unser selbstgemachter Stress nimmt uns oft den Raum dafür. Es ist also Zeit, innezuhalten, sich umzusehen und das Leben bewusster zu leben. Niemand von uns weiß, wie viele Sekunden uns noch zur Verfügung stehen.Jana, 30. November 2008

Nacht der Lichter

Posted in Allgemein with tags , , , on 2. November 2009 by Karin Wess

Städte bei Nacht haben einen ganz besonderen Reiz, vor allem wenn man die Möglichkeit hat, sie von oben zu betrachten. Diesen Anblick genieße ich jedes Mal, wenn ich bei meinen Eltern zu Besuch war und wieder nach Hause fahre. Denn obwohl sie nur wenige Kilometer entfernt wohnen, liegt doch ein Höhenunterschied von ca. 400 Metern zwischen uns. Darum beschert mir die Heimfahrt immer wieder einen Blick auf das tiefer liegende „Linz bei Nacht“.

Doch gestern Abend war etwas anders. Mein Blick galt nicht der Stadt, sondern einem kleinem Friedhof an dem ich jedesmal vorbei fahre. Die schützende Mauer die ihn umgibt, gibt dennoch den Blick auf die Gräber frei während man weiter bergab fährt.

LichtermeerOft schon fuhr ich mit schwerem Herzen an diesem kleinen Friedhof vorbei und machte mir Gedanken über Janas Begräbis. Und gestern dann strahlte mich dieses kleine Fleckchen Erde an. Es funkelten dutzende kleiner roter Lichter. Jedes Grab hatte sein eigenes. Ein Meer der Liebe und der Hoffnung, ruhig und friedlich. Mit Tränen in den Augen und Jana am Rücksitz fuhr ich weiter – den Anblick dieses kleinen Lichtermeeres weiterhin vor meinen Augen.

Das verrutschte Bild

Posted in Allgemein with tags , , , , , on 8. September 2009 by Karin Wess

Oder: In manchen Augenblicken ist alles so real.

Letzten Sonntag war es, es sollte ein gemütlicher Familien-Sonntag werden. Doch ich saß nur im Garten, tränenüberströmt und einsam wie selten zuvor. Aber der Reihe nach.

Alle waren da. Endlich mal wieder. Ich hatte mich sehr gefreut auf diesen Tag, doch beim Essen geschah es. Mein Blick fiel auf die Wand gegenüber. Die „Ahnengalerie“. Fotos aller Kinder, Enkelkinder, der Familie und Freunde. Darunter auch ein Bild von Jana. Doch genau dieses Bild war es, das mich nicht mehr los ließ. Eines der wenigen noch ungerahmten Bilder, eingeklemmt hinter dem Rahmen eines anderen. Weiter kein Problem. Doch Janas Bild war verrutscht. Alles was noch sichtbar war, war ihr kleiner Arm und das Gelb ihres Stillkissens in das sie eingekuschelt war. Es war weniger das, was ich sah, als das was ich nicht sah. Ihr Gesicht. Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen. Es war verrutscht, hinter den Rahmen des anderen Bildes.

Und da wurde es mir klar: Es würde der Tag kommen, an dem ich ihr kleines Gesicht nicht wieder sehen konnte. Nie wieder. Es würde eines Tages verschwinden. Ganz. Vollkommen. Unwiderbringlich.

Ich musste nur noch weg. Weg von diesem Gedanken, weg von dem verrutschten Bild und hin zu Jana, ihr Gesicht sehen, sie berühren, sie einschließen – alles gerade rücken. Doch sie war nicht da. Sie war nicht bei mir. Sie war 200 km weit weg und alles was mir blieb war der Himmel, ein Rosenbusch, meine Tränen, die Sehnsucht nach ihr und die Angst, alleine zu sein.

Wenn die Realität plötzlich real wird und man seine Ängste spürt, spürt man aber auch die Liebe. Die Liebe und diese unzerstörbare Verbindung. Eine Verbindung, die auch nach dem Tod noch bestehen wird. Ganz und vollkommen.

Berührungsängste und Isolation

Posted in Allgemein with tags , , , , , , , , , on 13. August 2009 by Karin Wess

Kurz nachdem wir Janas Diagnose erhalten hatten, hat es begonnen. Zuerst nur schleichend, fast unscheinbar. Doch während der nächsten Wochen hat es sich immer deutlicher herauskristallisiert – die Isolation.

Mehr und mehr Freunde zogen sich zurück, hatten regelrecht Angst davor, uns zu kontaktieren, mal anzurufen oder uns zu besuchen. Denn als sie merkten, dass deren Suche nach den richtigen, für uns passenden Worten sinnlos war, hielten sie es für richtiger, sich gar nicht zu melden. Zu groß war die Angst davor, etwas „falsch“ zu machen.

Und die Folge? Wir waren allein. Allein mit all dem Schmerz, der Trauer, den Ängsten, Wünschen und Hoffnungen. Allein mit der gewaltigen Diagnose, dass unser kleiner Engel sterben würde.

Trotzdem versuchte ich, jeden Tag zu lernen. Zu lernen, was das Leben uns allen bietet, zu sagen und zu tun was ich wollte und unterließ, was ich nicht für richtig hielt. Ich wurde weniger kompromissbereit als zuvor und hörte wieder sehr genau auf mein Bauchgefühl. Ich achtete noch gezielter darauf, Jana jeden Wunsch von den Augen abzulesen und ihr jede Minute so angenehm wie möglich zu machen.

All das kostete unendlich viel Kraft. Vieles davon kam und kommt aus meinem tiefsten Inneren, einiges davon auch aus Gesprächen mit Menschen die uns begleiten (Psychologen, Ärzte, Heimhilfe,…) und natürlich auch von Freunden.

Doch vielen fiel es unglaublich schwer, mit uns Kontakt aufzunehmen. Uns mal anzurufen oder eine E-Mail zu senden. Keiner wollte stören. Dabei wollten wir doch nicht mehr, als dass jemand da ist für uns, einfach mal zuhört, uns nicht ausgrenzt.

Aber es gibt auch Menschen, die diesen Weg nicht mit uns gehen können. In einer Welt, in der jeder versucht immer jünger zu sein als er ist, das Alter verleugnet wird und alte Menschen selten entsprechend respektiert werden, fällt es umso schwerer, von einem Kind Abschied zu nehmen.

Keiner von uns hat gelernt, mit dem Tod umzugehen, denn er wird tabuisiert in unserer Gesellschaft. Dabei sind gerade Kinder völlig furchtlos was den Tod betrifft. Ganz im Gegenteil. Viele Kinder wissen schon Wochen und Tage zuvor, wann es soweit sein wird und beginnen sich zu verabschieden und darauf vorzubereiten. Diese Kinder drücken das oft in Zeichnungen aus oder sprechen sogar offen über „helle Wesen“ die ihnen sagten, was kommen wird. Selbst Kinder von Unfällen, haben oft am Tag ihres plötzlichen Todes noch „Abschiedsbriefe“ geschrieben oder entsprechende Zeichnungen gemalt. Das Wissen über diese Furchtlosigkeit hilft mir ungemein.

Jana hat eine Aufgabe und sie hat diese rasch zu erledigen. Ihr Auftrag ist nur ein kurzer, dafür aber umso bedeutender. Sie hat mir schon viel gezeigt und wird mir noch unendlich mehr zeigen. Mir und jedem, der bereit ist und die Kraft hat, uns zu begleiten. Das dieser Weg auch sehr traurig und schmerzhaft sein wird, ist mir nur allzu bewusst. Doch was immer bleiben wird, ist grenzenlos tiefe Liebe und die unendlich schöne Erinnerung an sie und an jeden Tag, den ich bei ihr sein durfte.

Wer seine Berührungsängste überwindet, offen auf die Eltern kranker und besonderer Kinder zugeht, wird lernen und wachsen. Wer es wagt, diese kleinen Reisenden zu begleiten und offen ist für die Dinge die sie uns zeigen, wird sein eigenes und unser aller Leben bereichern. Die betroffenen Eltern brauchen keine „richtigen“ Worte, sie brauchen Kraft, Stütze und Hilfe um diesen Weg zu meistern. Vielleicht hilft eine Tasse Tee oder ein Einkauf der schnell mal erledigt wird, aber oft reicht schon die alleinige Anwesenheit von Freunden.