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Ein Lächeln gibt Kraft

Posted in Allgemein with tags , , on 17. August 2009 by Karin Wess

Vor wenigen Wochen noch war es schier unvorstellbar, es schien unbegreiflich, unnütze, fremd und machte mich sogar wütend. Heute, 7 Monate und 1 Tag nach der Diagnose, erkenne ich die Kraft die in ihm steckt: dem Lachen.

Als Menschen rund um mich zum ersten Mal wieder lachten und auch mir beinahe ein Lächeln auskam, hatte ich sofort ein schlechtes Gewissen. Tränen stiegen auf und Schuldgefühle und die unweigerliche Frage: Wie kann ich Lachen, während mein Baby stirbt?

Es hat nicht nur Tage, sondern gar Wochen gedauert, bis ich es erstmals wieder konnte. Lächeln oder Lachen, ohne schlechtem Gewissen Jana gegenüber fiel mir anfangs unglaublich schwer. Doch mit der Zeit erkannte ich mehr und mehr, dass es mir und vor allem auch ihr half.

Für Lee Berk ist Lachen sogar die beste Medizin für Körper und Geist und kann vor allem Stress abbauen. Gerade davon hatten wir wirklich genug. Jana wurde bereits 24 Stunden, 7 Tage die Woche betreut. Weinte sehr viel, konnte nicht schlafen, sich nicht bewegen, hatte schlimme Krämpfe und schließlich konnte sie auch nicht mehr sehen. Und ich konnte nur zusehen. Warten, was als nächstes kommen würde und hoffen, dass sie keine Schmerzen hatte bzw. wir die richtige Medikation verarbreichten.

In genau dieser Zeit war es aber auch, als mein Lächeln wieder kam. Zuerst zögerlich. Nur wenige Male im Monat, dann immer öfter. Richtig gelacht habe ich zum ersten Mal wieder Ende März. Ich habe auch begonnen, mit Jana zu lachen, machmal auch über sie. Sie anzusehen, sie anzulächeln, auch in dem Wissen, dass sie nicht mehr zurücklächeln konnte, gab mir Kraft. Kraft, die ich für sie benötige. Kraft um diesen Weg mit ihr zu gehen.

Übrigens: Der Internationale Weltlachtag findet jährlich am ersten Sonntag im Mai statt. Zum nächsten Mal also am 02. Mai 2010.

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Berührungsängste und Isolation

Posted in Allgemein with tags , , , , , , , , , on 13. August 2009 by Karin Wess

Kurz nachdem wir Janas Diagnose erhalten hatten, hat es begonnen. Zuerst nur schleichend, fast unscheinbar. Doch während der nächsten Wochen hat es sich immer deutlicher herauskristallisiert – die Isolation.

Mehr und mehr Freunde zogen sich zurück, hatten regelrecht Angst davor, uns zu kontaktieren, mal anzurufen oder uns zu besuchen. Denn als sie merkten, dass deren Suche nach den richtigen, für uns passenden Worten sinnlos war, hielten sie es für richtiger, sich gar nicht zu melden. Zu groß war die Angst davor, etwas „falsch“ zu machen.

Und die Folge? Wir waren allein. Allein mit all dem Schmerz, der Trauer, den Ängsten, Wünschen und Hoffnungen. Allein mit der gewaltigen Diagnose, dass unser kleiner Engel sterben würde.

Trotzdem versuchte ich, jeden Tag zu lernen. Zu lernen, was das Leben uns allen bietet, zu sagen und zu tun was ich wollte und unterließ, was ich nicht für richtig hielt. Ich wurde weniger kompromissbereit als zuvor und hörte wieder sehr genau auf mein Bauchgefühl. Ich achtete noch gezielter darauf, Jana jeden Wunsch von den Augen abzulesen und ihr jede Minute so angenehm wie möglich zu machen.

All das kostete unendlich viel Kraft. Vieles davon kam und kommt aus meinem tiefsten Inneren, einiges davon auch aus Gesprächen mit Menschen die uns begleiten (Psychologen, Ärzte, Heimhilfe,…) und natürlich auch von Freunden.

Doch vielen fiel es unglaublich schwer, mit uns Kontakt aufzunehmen. Uns mal anzurufen oder eine E-Mail zu senden. Keiner wollte stören. Dabei wollten wir doch nicht mehr, als dass jemand da ist für uns, einfach mal zuhört, uns nicht ausgrenzt.

Aber es gibt auch Menschen, die diesen Weg nicht mit uns gehen können. In einer Welt, in der jeder versucht immer jünger zu sein als er ist, das Alter verleugnet wird und alte Menschen selten entsprechend respektiert werden, fällt es umso schwerer, von einem Kind Abschied zu nehmen.

Keiner von uns hat gelernt, mit dem Tod umzugehen, denn er wird tabuisiert in unserer Gesellschaft. Dabei sind gerade Kinder völlig furchtlos was den Tod betrifft. Ganz im Gegenteil. Viele Kinder wissen schon Wochen und Tage zuvor, wann es soweit sein wird und beginnen sich zu verabschieden und darauf vorzubereiten. Diese Kinder drücken das oft in Zeichnungen aus oder sprechen sogar offen über „helle Wesen“ die ihnen sagten, was kommen wird. Selbst Kinder von Unfällen, haben oft am Tag ihres plötzlichen Todes noch „Abschiedsbriefe“ geschrieben oder entsprechende Zeichnungen gemalt. Das Wissen über diese Furchtlosigkeit hilft mir ungemein.

Jana hat eine Aufgabe und sie hat diese rasch zu erledigen. Ihr Auftrag ist nur ein kurzer, dafür aber umso bedeutender. Sie hat mir schon viel gezeigt und wird mir noch unendlich mehr zeigen. Mir und jedem, der bereit ist und die Kraft hat, uns zu begleiten. Das dieser Weg auch sehr traurig und schmerzhaft sein wird, ist mir nur allzu bewusst. Doch was immer bleiben wird, ist grenzenlos tiefe Liebe und die unendlich schöne Erinnerung an sie und an jeden Tag, den ich bei ihr sein durfte.

Wer seine Berührungsängste überwindet, offen auf die Eltern kranker und besonderer Kinder zugeht, wird lernen und wachsen. Wer es wagt, diese kleinen Reisenden zu begleiten und offen ist für die Dinge die sie uns zeigen, wird sein eigenes und unser aller Leben bereichern. Die betroffenen Eltern brauchen keine „richtigen“ Worte, sie brauchen Kraft, Stütze und Hilfe um diesen Weg zu meistern. Vielleicht hilft eine Tasse Tee oder ein Einkauf der schnell mal erledigt wird, aber oft reicht schon die alleinige Anwesenheit von Freunden.