Archiv für Ängste

In dere Ruhe liegt der Schmerz

Posted in Allgemein with tags , , , , on 5. Dezember 2009 by Karin Wess

Ich stürze mich schon seit Wochen in die Arbeit, treibe ein Projekt nach dem anderen voran. Lasse keine Zeit für Trägheit, für Gedanken, schon gar nicht für mich selbst.

Das Einzige was ich sehe, ist das Voranschreiten der Krankheit. Und mit jedem neuen Bild ziehe ich mich mehr und mehr zurück. Lass die Arbeit überhand nehmen. Von erholsamem Schlaf kann ich noch nicht mal träumen. Dringenst bräuche ich ein wenig Auszeit und doch kann ich sie nicht nehmen, denn sobald ich zur Ruhe komme, kommt auch der Schmerz, kommt die Angst, kommen die Tränen. Ein Schmerz der scheinbar unermesslich scheint und dennoch weiß ich, er wird wohl noch größer.

So sehr hoffe ich, dass ich dann, eines Tages, wann auch immer, die Kraft habe, all dies zuzulassen. Dem Schmerz die Stirn zu bieten um all den schönen, liebevollen Erinnerungen Platz zu machen und zu wissen, dass wir dadurch für immer verbunden sein werden.

Das verrutschte Bild

Posted in Allgemein with tags , , , , , on 8. September 2009 by Karin Wess

Oder: In manchen Augenblicken ist alles so real.

Letzten Sonntag war es, es sollte ein gemütlicher Familien-Sonntag werden. Doch ich saß nur im Garten, tränenüberströmt und einsam wie selten zuvor. Aber der Reihe nach.

Alle waren da. Endlich mal wieder. Ich hatte mich sehr gefreut auf diesen Tag, doch beim Essen geschah es. Mein Blick fiel auf die Wand gegenüber. Die „Ahnengalerie“. Fotos aller Kinder, Enkelkinder, der Familie und Freunde. Darunter auch ein Bild von Jana. Doch genau dieses Bild war es, das mich nicht mehr los ließ. Eines der wenigen noch ungerahmten Bilder, eingeklemmt hinter dem Rahmen eines anderen. Weiter kein Problem. Doch Janas Bild war verrutscht. Alles was noch sichtbar war, war ihr kleiner Arm und das Gelb ihres Stillkissens in das sie eingekuschelt war. Es war weniger das, was ich sah, als das was ich nicht sah. Ihr Gesicht. Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen. Es war verrutscht, hinter den Rahmen des anderen Bildes.

Und da wurde es mir klar: Es würde der Tag kommen, an dem ich ihr kleines Gesicht nicht wieder sehen konnte. Nie wieder. Es würde eines Tages verschwinden. Ganz. Vollkommen. Unwiderbringlich.

Ich musste nur noch weg. Weg von diesem Gedanken, weg von dem verrutschten Bild und hin zu Jana, ihr Gesicht sehen, sie berühren, sie einschließen – alles gerade rücken. Doch sie war nicht da. Sie war nicht bei mir. Sie war 200 km weit weg und alles was mir blieb war der Himmel, ein Rosenbusch, meine Tränen, die Sehnsucht nach ihr und die Angst, alleine zu sein.

Wenn die Realität plötzlich real wird und man seine Ängste spürt, spürt man aber auch die Liebe. Die Liebe und diese unzerstörbare Verbindung. Eine Verbindung, die auch nach dem Tod noch bestehen wird. Ganz und vollkommen.

Berührungsängste und Isolation

Posted in Allgemein with tags , , , , , , , , , on 13. August 2009 by Karin Wess

Kurz nachdem wir Janas Diagnose erhalten hatten, hat es begonnen. Zuerst nur schleichend, fast unscheinbar. Doch während der nächsten Wochen hat es sich immer deutlicher herauskristallisiert – die Isolation.

Mehr und mehr Freunde zogen sich zurück, hatten regelrecht Angst davor, uns zu kontaktieren, mal anzurufen oder uns zu besuchen. Denn als sie merkten, dass deren Suche nach den richtigen, für uns passenden Worten sinnlos war, hielten sie es für richtiger, sich gar nicht zu melden. Zu groß war die Angst davor, etwas „falsch“ zu machen.

Und die Folge? Wir waren allein. Allein mit all dem Schmerz, der Trauer, den Ängsten, Wünschen und Hoffnungen. Allein mit der gewaltigen Diagnose, dass unser kleiner Engel sterben würde.

Trotzdem versuchte ich, jeden Tag zu lernen. Zu lernen, was das Leben uns allen bietet, zu sagen und zu tun was ich wollte und unterließ, was ich nicht für richtig hielt. Ich wurde weniger kompromissbereit als zuvor und hörte wieder sehr genau auf mein Bauchgefühl. Ich achtete noch gezielter darauf, Jana jeden Wunsch von den Augen abzulesen und ihr jede Minute so angenehm wie möglich zu machen.

All das kostete unendlich viel Kraft. Vieles davon kam und kommt aus meinem tiefsten Inneren, einiges davon auch aus Gesprächen mit Menschen die uns begleiten (Psychologen, Ärzte, Heimhilfe,…) und natürlich auch von Freunden.

Doch vielen fiel es unglaublich schwer, mit uns Kontakt aufzunehmen. Uns mal anzurufen oder eine E-Mail zu senden. Keiner wollte stören. Dabei wollten wir doch nicht mehr, als dass jemand da ist für uns, einfach mal zuhört, uns nicht ausgrenzt.

Aber es gibt auch Menschen, die diesen Weg nicht mit uns gehen können. In einer Welt, in der jeder versucht immer jünger zu sein als er ist, das Alter verleugnet wird und alte Menschen selten entsprechend respektiert werden, fällt es umso schwerer, von einem Kind Abschied zu nehmen.

Keiner von uns hat gelernt, mit dem Tod umzugehen, denn er wird tabuisiert in unserer Gesellschaft. Dabei sind gerade Kinder völlig furchtlos was den Tod betrifft. Ganz im Gegenteil. Viele Kinder wissen schon Wochen und Tage zuvor, wann es soweit sein wird und beginnen sich zu verabschieden und darauf vorzubereiten. Diese Kinder drücken das oft in Zeichnungen aus oder sprechen sogar offen über „helle Wesen“ die ihnen sagten, was kommen wird. Selbst Kinder von Unfällen, haben oft am Tag ihres plötzlichen Todes noch „Abschiedsbriefe“ geschrieben oder entsprechende Zeichnungen gemalt. Das Wissen über diese Furchtlosigkeit hilft mir ungemein.

Jana hat eine Aufgabe und sie hat diese rasch zu erledigen. Ihr Auftrag ist nur ein kurzer, dafür aber umso bedeutender. Sie hat mir schon viel gezeigt und wird mir noch unendlich mehr zeigen. Mir und jedem, der bereit ist und die Kraft hat, uns zu begleiten. Das dieser Weg auch sehr traurig und schmerzhaft sein wird, ist mir nur allzu bewusst. Doch was immer bleiben wird, ist grenzenlos tiefe Liebe und die unendlich schöne Erinnerung an sie und an jeden Tag, den ich bei ihr sein durfte.

Wer seine Berührungsängste überwindet, offen auf die Eltern kranker und besonderer Kinder zugeht, wird lernen und wachsen. Wer es wagt, diese kleinen Reisenden zu begleiten und offen ist für die Dinge die sie uns zeigen, wird sein eigenes und unser aller Leben bereichern. Die betroffenen Eltern brauchen keine „richtigen“ Worte, sie brauchen Kraft, Stütze und Hilfe um diesen Weg zu meistern. Vielleicht hilft eine Tasse Tee oder ein Einkauf der schnell mal erledigt wird, aber oft reicht schon die alleinige Anwesenheit von Freunden.