Wie ein Atemzug


Das mit der Trauer ist so eine Sache. Während sich die einen auf den Trauerprozess einlassen, wehren sich die anderen gegen den Schmerz und damit auch gegen das Loslassen. Bewusst habe ich weder das eine noch das andere gewählt. Dennoch habe ich gemerkt, dass ich mich mehr und mehr zurückgezogen habe, meine Gefühle, meine Ängste, meinen Schmerz nur mit mir ausgemacht habe und niemanden an mich ran ließ. Ob das gut ist, weiß ich nicht. Es ist jedenfalls nicht falsch. Denn bei der Trauer gibt es weder Schwarz noch Weiß, kein Gut oder Böse und schon gar kein Richtig oder Falsch.

Jeder von uns wählt seinen Weg. Ich habe meinen. Der deckt sich oft nicht mit dem, was andere von mir erwarten würden. Aber Erwartungen erfülle ich schon lange nicht mehr. Nicht mal meine eigenen. Dennoch fühle ich mich ab und zu einsam, ein wenig hilflos und immer wieder überfahren von einzelnen Momenten, in denen mich die Trauer einfach überrollt. Was zurückbleibt bin ich selbst, platt und völlig überfordert am Boden liegend. Doch nach diesen Schrecksekunden die unterschiedlicher nicht sein könnten, stehe ich wieder auf, atme meist tief durch und suche als erstes nach einem Taschentuch.

Und dazwischen? Dazwischen liegt wohl das, was man Trauerbewältigung nennt. Lernen, wie man mit diesen überrollenden Dampfwalzen umgeht. Die Suche danach, ob man sich darauf vorbereiten oder aber wie man der ein oder anderen aus dem Weg gehen kann. Ja, das mit der Trauer ist so eine Sache. Sie kommt und geht ganz automatisch. Manchmal nur flach, doch manchmal auch ganz tief. Und irgendwann wird es uns nur noch selten bewusst – ganz so wie ein einzelner Atemzug.

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2 Antworten to “Wie ein Atemzug”

  1. Du sprichst mir so wunderbar aus der Seele. Ich hätte diese Wahrheit nie so gut formulieren können, und jetzt frage ich mich wieder einmal, ob es nicht ganz zufällig war, Dein post heute zu lesen….heute, wo ich mehr denn je platt und überfordert am Boden liege, wo doch der Geburtstag meiner kleinen Tochter am Montg ist. Sollte ich nicht eigentlich glücklich sein? Ja, vielleicht, aber mehr denn je merke ich an diesen Tagen, dass ich nie wieder dazu gehören werde zu den sorglosen Menschen. Es ist schon der zweite Geburtstag, an dem wir unsere Tochter auf dem Friedhof besuchen werden. Es werden lange Atemzüge werden, am Montag.

    Vielen Dank für Deine Worte, über die ich noch lange nachdenken werde – und alles Gute Dir, Euch.

    Claudia.

  2. Ich habe am Dienstag und Mittwoch so viel an Dich gedacht. Und als ich Dir dann den Gruß geschrieben habe, da wünschte ich mir sehr, dass Du mal wieder schreibst. Und nun hast Du zwei Mal so schöne, tiefe Worte gefunden. Dein Blog-Titel „Atemzüge“ begleitet Dich durchs Leben. Diese extremen gegensätzlichen Gefühle sind wohl wiklich wie Atemzüge. Du hast es so beschrieben, wie ich es auch kenne. Ich sage auch meiner Tochter immer wieder, dass ich mir sicher bin: Eure Kinder wollen, dass ihr lebt, lacht und dass es Euch gutgeht. Sie sind bei/in Euch und leben Eure Gefühle mit.
    Ganz liebe Grüße, ich wünsche Dir, dass die Sonnenstrahlen Deine Liebe zu Jana wärmen
    Elisabeth

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