Freunde


Wahre Freunde sind wie die berühmte Nadel im Heuhaufen – schwer zu finden. Ich war glücklich und auch ein wenig stolz darauf, doch einige davon gefunden zu haben. Manche erst vor kurzer Zeit, manche vor 10 oder mehr Jahren. Manchmal war der Kontakt sehr intensiv, dann wieder weniger. Doch nicht die Quantität machte diese Freundschaften aus, sondern die Qualität.

Janas Diagnose doch änderte plötzlich sehr viel. Einige Kontakte brachen beinahe komplett ab, andere, ganz wenige intensivierten sich sogar. Menschen, die ich dennoch um mich haben wollte, lies ich wissen, dass sie keine Scheu oder Angst zu haben brauchten und versuchte, ihnen die Berühungsängste zu nehmen.

In der Woche vor Janas Beerdigung kamen so viele Anrufe. Offensichtlich wollte jeder „helfen“ und wissen, wie es mir denn ginge. Viele haben uns am Freitag vor 2 Wochen begleitet und sich selbst noch ein Mal von Jana verabschiedet; manche damit wohl auch von mir, wie mir in den letzten Tagen klar wurde.

Keine Anrufe, keine E-Mails, keine Briefe oder andersartige Kontaktaufnahmen. Schweigen. Stille. Dass sie nun nicht wüssten, wie sie auf uns zugehen sollen, kann ich diesmal nicht gelten lassen, denn jeder hatte von uns eine kleine „Anleitung“ dafür bekommen, was wir nun brauchen und uns wünschen. Dennoch – heute sind nur wenige, ganz, ganz wenige Personen um mich. Das sind genau die, die auch den ganzen Weg der letzten 13 Monate mit uns gingen.

Diese Zeit hat mich sehr verändert, mich wachsen lassen und mir gezeigt, das Leben wahrlich als Wunder zu sehen. Nichts ist heute mehr selbstverständlich für mich, alles ein Geschenk. Jene Menschen, die mich während dieser Zeit intensiv begleitet haben, haben sich selbst auch verändert. Auch deren Blick hat sich verändert. Der meiner „anderen“ Freunde jedoch ist gleichgeblieben. Sie haben diese Entwicklung nicht durchlebt – und das macht uns heute so verschieden.

Ich mache niemandem einen Vorwurf. Jeder lebt sein Leben auf die für ihn bestmöglich Art und Weise. Nur blicke ich teils traurig zurück auf die Zeit „davor“, als alles noch so leicht und unbeschwert war, lasse manche Menschen nur ungern los. Doch auch diese Entwicklung ist gut so wie sie ist. Sie macht Platz für neue Freundschaften, schafft Raum für neue Begegnungen. Und eines Tages werde ich es auch verstehen.

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7 Antworten to “Freunde”

  1. Hallo,

    ich lese diesen Blog erst seit kurzem. Ich denke, es waren nur wenige Tage vor Janas Himmelsgeburt. Bei diesem Satz „Nichts ist heute mehr selbstverständlich für mich, alles ein Geschenk.“ des heutigen Beitrags musste ich an ein Gedicht denken, dass ich hier (http://seelenruhig.eu/sr/index.php?paged=2) gelesen habe.
    Was immer du erlebst …

    Der Duft nach dem Regen im nassen Kleinmädchen-Haar,
    geheime Spiele, verboten und wunderbar,

    die Angst im finsteren Keller, nachts und allein,
    der Hund, der getreten wird, bloß weil er Hund ist und klein,

    der Lehrer, der dich gehorchen und lügen lehrt,
    der Schrei eines Zugs, der mit dir in die Einsamkeit fährt,

    die künstlichen Zähne im Glas am Bett Onkel Pauls
    und der traurige Hut auf dem Kopf eines Droschkengauls,

    der Freund, der schweigend für dich die Prügel bezieht,
    und der Feind, der dich hasst, nur weil er dich glücklich sieht.

    Und jede Einzelheit – denkst du noch dran? – war einmal wichtig,
    nichts schien dir banal.

    Denn alles das erlebt man irgendwann
    zum ersten Mal.

    Das Geheimnis der Tür, hinter der jemand Geige spielt,
    das Kind, das auf dich mit dem Spielzeugrevolver zielt,

    die Finsternis einer Umarmung, in der man nicht liebt,
    der Hunger nach einer Speise, die es nicht gibt,

    das bezaubernde Lächeln der Braut im unmöglichen Kleid,
    der Arzt, der dir sagt: “Es war alles umsonst – tut mir leid”,

    das Fischerboot und der Meerwind in deinem Haar,
    dein Spiegelbild hinter Flaschen in einer Bar,

    das sanfte Licht eines Sterns im nächtlichen Blau
    und der Schatten von Laub auf der Haut einer schlafenden Frau.

    Und jede Einzelheit – du denkst nicht dran – wird einmal wichtig.
    Nichts mehr ist banal, denn alles das erlebst du irgendwann
    zum letzten Mal.

    Michael Ende aus “Trödelmarkt der Träume – Mitternachtslieder und leise Balladen”

    Ich wünsche euch alle Kraft, die ihr braucht.

    Friederike

    • atemzuege Says:

      Liebe Friederike,

      dieses Gedicht ist wunderschön! Ich kenne nur die „Geschichten“ von Michael Ende wie „Momo“ oder „Die unendliche Geschichte“, wusste aber nicht, dass er auch so unglaublich tiefgehende Texte geschrieben hat.

      Ich danke dir dafür!

  2. Elisabeth Janus-S. Says:

    Hallo
    Du hast einen sehr „starken“ Post geschrieben. Du bist sehr offen und verständnisvoll für die Stimmungen um Dich.
    Mit Deinen Fragen lebe ich auch schon so lang (ich bin viel älter als Du). Ich versuche es immer wieder zu verstehen, es mir zu erklären.
    Ich selber mußte keines meiner Kinder vor mir gehen lassen. Aber 2 Enkelkinder…und so viele mehr.
    Ich weiss nicht an was das liegt. Im „echten“ Leben wird man da (vor allem wenn schon Zeit vergangen ist) oft nicht mehr verstanden. Keiner will es mehr thematisieren. Die Situationen kommen ja oft plötzlich. Eine Begegnung, jemand Fremder…plötzlich Erinnerungen (z.B.an den Bruder). Und dann versteht es keiner, wenn ich jetzt über ihn nachdenke, rede, traurig bin….
    Ein paar richtige Freunde bleiben. Wenige. Wie Du schreibst. Die Qualität macht es dann aus. Momentan entstehen bei mir in der Bloggerwelt neue Freunschaften. So richtig „echt“, ja Raum für neue Begegnungen.
    Ich schaue sehr oft Janas Bild an. Sie ist bei mir im Herzen, und dadurch auch Du. Ich weiss nicht wie ich das erklären soll. Muss man ja auch nicht, oder?
    Ich wünsche Dir Ostertage mit Menschen die Dir guttun.
    Viele liebe Grüße
    Elisabeth

  3. atemzuege Says:

    Elisabeth, diese Zeit jetzt, dieses „danach“ ist an manchen Tagen irgendwie viel einsamer als zuvor. Ich kann deine Stimmungen auch jetzt schon so gut verstehen, denn auch mir geht es immer wieder so. Den ganzen Tag über denke ich liebevoll und freudig an Jana und plötzlich, ohne Vorwarnung überrollt mich die Traurigkeit und die Gewissheit, dass dies alles wirklich passiert. Gerade heute immer wieder.

    Darum wünsche ich uns allen – auch jenen, die diesen oder einen ähnlichen Verlust nicht erleben mussten – echte, tiefe Freundschaften und Halt, auch wenn’s mal nicht so gut geht.

    Alles Liebe,
    Karin

  4. ich lese täglich deine liebevolle seite….die richtigen worte zu finden, ist sehr schwer, aber mitfühlen nicht!!!!

    ich drücke dich…

    liebe grüsse aus wien

  5. Tanja mit Marie Says:

    Liebe Karin,
    Wir haben in den vergangenen Tagen und Wochen viel an euch gedacht. Es ist wahnsinnig schwer die richtigen Worte zu finden und dennoch will ich es versuchen. Wieviel kann ein Mensch ertragen? Auch ich stehe jeden Tag vor dieser Frage und weiss nicht wie ich das alles durchstehen soll. Und dann denke ich an euch und versuche von deinen schönen und ehrlichen Worten mit in den neuen Tag zu nehmen. Es geht man muss nur unglaublich stak sein. Ich danke dir für deine Offenheit und möchte dir sagen das du mir schon oft gehofen hast mit dieser Krankheit fertig zu werden. und das beste und schönste aus jedem Tag zu machen an dem unsere kleine Maus Marie noch bei uns ist. Ich wünsche euch das ihr weiterhin soviel Stärke und Kraft habt euren Weg weiter zu gehen bis ihr eure Jana eines Tages wieder seht.

    Ganz Liebe Grüße
    Tanja mit Marie

  6. atemzuege Says:

    Liebe Marie,

    dass Jana bei mir war und deine Motte bei dir ist, ist ein Geschenk. Versuche, es als solches anzunehmen. Suche dir jeden Tag einen schönen Moment, halte in fest und er wird für immer in deinem Herzen sein.

    Die letzten Monate waren schwer, vermutlich so wie deine jetzt, aber sie waren auch unglaublich schön und so voller Liebe wie ich es noch nie in meinem Leben gespürt hatte. Diese innige Verbundenheit die nur eine Mama und Kind ihr spüren, war dermaßen stark, dass ich sie auch jetzt noch spüre. Denn diese Liebe bleibt. Man nimmt sie mit!

    Ich spüre, dass meine Prinzessin mal hier und ist mal fort, mal nah und mal wo anders, doch die Bindung zu ihr, ist die selbe geblieben.

    Ich drück dich und deine süße Marie ganz lieb und wünsche euch noch unzählige wunderschöne, liebevolle, bewusste Momente in denen ihr euch ganz nah seid und euch spürt – auch in euren Herzen.

    Alles Liebe,
    Karin

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