Archiv für März, 2010

Liebe Mama, lieber Papa

Posted in Allgemein with tags , , , , on 31. März 2010 by Karin Wess

Diesen Text hat Janas Ärtzin für uns geschrieben. Er wurde bei Janas Beerdigung vorgelesen. Da er mich so sehr berührt, möchte ich ihn teilen und nochmals „Danke“ sagen an unsere Dr. B. für all die Momente, in denen sie immer für uns alle da war!

Liebe Mama, lieber Papa,
liebe Leute hier um mich,

ich habe meiner Baumi – ihr nanntet sie immer Doktor B., aber das ist mir zu lange – gesagt, sie soll aufschreiben, was ich euch heute unbedingt sagen will.

Eigentlich wäre alles in 4 Worten zu fassen: „Danke Mama, danke Papa!“, und ihr denkt euch dazu, was euer kleiner Käfer da wohl alles gemeint hat. Aber da ich manchmal glaube, ihr wisst gar nicht, wie groß euer Geschenk an mich war, soll Baumi doch noch mehr mitschreiben.

Wir hatten unbeschwerte 6 gemeinsame Monate und Papa spielte mir schon am 1 Lebenstag das Lied über eine kleine Prinzessin vor. Und dann war plötzlich der Krankenhausaufenthalt, der vieles veränderte. Was er aber nicht veränderte – ich blieb eure kleine Prinzessin und das im wahrsten Sinne des Wortes: Ich hatte ständig Gefolgschaft um mich – immer, wenn ich jemand brauchte, war wer da. Und das Besondere war, es war auch immer wer bei mir, auch wenn ich niemand brauchte. Es war wunderschön. Das haben doch nur Luxusprinzessinnen – oder?

Ich hatte einen eigenen Oma-Opa Kurort und eigenen Taxitransport. Ich hatte eine eigene Leibärztin, wie sich das auch für Adelige gehört. Ich hatte einen eigenen Medikamenten-Zustelldienst, der blitzschnell war – kaum geordert, war das jeweilige Ding schon da. Schneller als auf Intensivstationen, sag ich euch. Der Mann, namens Papa, war aber auch gleichzeitig der „beste nur für mich Pfleger“, und immer im Einsatz, wenn Not am Mann war. Und Papa hat ja auch noch eine andere Arbeit zwischendurch machen müssen, der war doch nicht nur bei mir angestellt – glaube ich zumindest.

Ich hatte eine eigene – wirklich „nur für mich Ober-Krankenschwester“. Die ist vielleicht toll, die hat Kraft jede Menge 24h-Dienste zu machen, schrieb alles auf, wusste alle Medikamente und auch die Dosierungen dazu. Aber nicht nur das, sie hatte unendlich viel Liebe zu geben – sie hat mich voll aufgetankt, sag ich euch. Da komm ich lange aus – keine Sorge.

Mama und Papa konnten mich auch Stunden halten in einer bestimmten Position – ja, manchmal waren sie selbst sehr verspannt danach und konnten sich kaum mehr rühren. Überhaupt das Tragen von mir schafften die beiden super gut – ich kann die Stunden gar nicht zählen – unendlich viele. Gehend, sitzend (oft wäre ein Gelkissen speziell für Mama gut gewesen), liegend – in jeder Position schafften sie das. Und nur damit es mir gut geht, was es dann auch tat.

Und dann waren da meine Temperaturschwankungen – so was hat da sicher noch nie jemand erlebt – einmal hatte ich fast 35°C, dann wieder 38°C. Die beiden schafften es, mich aufzuheizen mit ihrem eigenen Körper oder mit Massagen. Das habe ich sehr genossen – bei Papa oder Mama so zu liegen und mich langsam zu erwärmen. Das sind die besten Strahler der Welt! Prinzessinnenstrahler, für die meisten Leute unbezahlbar, für mich geschenkt!

Ich könnte da noch viele, viele Dinge aufzählen, die ihr beide für mich gemacht habt. Aber der Teil zeigt auch schon, dass ich bei euch wirklich eine Prinzessin war. Danke Mama, danke Papa! Ich habe euch sehr lieb!

Und ihr habt nun auch etwas ganz Besonderes – einen eigenen Engel und Fürbitter im Himmel mit einem eigenen Stern. Und jetzt bin ich immer für euch da. Entfernung ist relativ – einerseits ziemlich weit, andererseits ihr habt mein Herz in eurem Herzen (kürzer geht’s doch nicht).

Ich nehme eure Liebe mit zu meinem Stern – das ist sicher. Zum Glück hat die Liebe kein Gewicht – ich könnte sie nicht schleppen.

Eure Prinzessin Jana aus dem Käferland

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Ich bin bereit

Posted in Allgemein with tags , , , on 27. März 2010 by Karin Wess

Seit unglaublichen langen und unglaublich kurzen 2 Wochen ist Jana nun nicht mehr bei uns. Noch immer scheint alles so unreal, nicht wahr, nie geschehen. Zwei Wochen in denen dermaßen viel passiert ist, dass ich es erst richtig ordnen und verarbeiten muss. Zwei Wochen, seit denen ich nun bereit bin.

Bereit für den großen Schmerz, das tiefe Loch, die dunklen Tage. Ich bin so sehr bereit dafür, dass sie einfach nicht kommt – diese schlimme Zeit. Ich lebe meinen Tag, atme regelmäßig und kann sogar essen. Bin sehr viel unterwegs, mache täglich Sport und schlafe (relativ) gut. Treffe mich mit ganz lieben Freundinnen die stundenlang mit mir über Jana, über Dies und Das und wieder über Jana sprechen. Lese ab und zu ein wenig und plane schon abends meine Aktivitäten für den nächsten Tag.

Täglich gehe ich zu Jana, bringe ihr mal ein Windrad, mal einen Schmetterling, mal hübsche Blumen und dann wieder eine neue Kerze. Meist stehe ich mit einem Lächeln bei ihr, nur ab und zu mit Tränen. Ich bin so voll Glück und Freude darüber, dass ich diese fast 21 Monate mit ihr verbringen durfte, dass für Trauer nur wenig Platz bleibt. Und gerade dann, wenn ich mich wieder darüber wundere und mich selbst nicht verstehen kann, warum es mir dermaßen „gut“ geht, überrollt mich eine Welle voll Schmerz, reißt meine Mauern nieder und lässt den Tränen freien Lauf. Doch genau das ist jenes Gefühl, von dem ich dachte, dass es mich in dieser Phase beherrschen würde. Doch diese Welle kommt – und geht auch wieder. Die nächste Welle kommt manchmal erst nach Stunden, manchmal erst am nächsten Tag wieder.

Dabei bin ich doch bereit! Ich bin bereit für den großen Schmerz der anhält und mir die Luft zum Atmen raubt. Doch derzeit erfüllen mich meist nur Leere und schöne Erinnerungen an Jana. Das, worauf ich warte, kommt bei den meisten erst nach zwei bis drei Monaten. Ich hoffe, ich bin auch dann noch bereit dafür.

Abschied

Posted in Allgemein with tags , , on 19. März 2010 by Karin Wess

13.00 Uhr oder kurz danach… es ist auch gleichgültig. Wir gehen als erste zu Jana. Ich hatte zuvor schon einige Minuten mit ihr alleine verbracht. Dann zündet einer nach dem anderen eine Kerze für Jana an und legt seinen Wunsch für sie in die Schale. Es ist völlig ruhig und vor Jana flackert ein Lichtermeer.

Hallelujah von Rea Garvey. 2 Minuten und 45 Sekunden in denen ich mich kaum halten kann. Die Tränen kann ich nicht stoppen und der Schmerz überwältigt mich. Ich möchte weg, zu ihr, sie halten, mit ihr kuscheln, noch ein Mal ihren Atem spüren. Doch nun scheint es endgültig.

Elisabeth liest das Märchen vom Sternenkind und Dr. B. schickte uns eine wunderbare Geschichte von unserer Prinzessin Jana und ihrem Hofstaat – Mama, Papa, Oma, Opa und sich selbst als ihre persönliche Leibärztin. Ganz so, wie es sich für eine kleine Prinzessin gehört. Sie erzählt von ihrem Leben und unseren schönen Momenten mit ihr. Ab und zu muss ich sogar lächeln, so schön sind die Erinnerungen.

„Es war ein leidvolles Jahr“ stand in einer der Karten, die wir bekamen. Doch so sehe ich das nicht. Es war nicht leidvoll. Nein, es war nicht jeden Tag schön, es war nicht jeden Tag schmerzfrei. Doch es war auf keinen Fall leidvoll. Es war ein liebevolles Jahr, in dem uns Jana so unglaublich viel gegeben hat ohne selbst je etwas zu verlangen. Durch Jana habe ich gelernt, was es heißt, bedingungslos zu lieben. Und selbst jetzt gibt sie mir noch immer so unglaublich viel.

Es war eine Zeremonie, wie ich sie mir für Jana wünschte, doch dass es mir so schwer fallen würde, hätte ich nicht gedacht. Der schwerste Teil steht mir denke ich jedoch erst bevor, auch wenn es heute schon unbegreiflich für mich ist, wie ich es bisher ertragen konnte.

Jana ist nun seit einer Woche nicht mehr bei mir und ich bin momentan nur erschöpft und leer. Das Lichtermeer von heute Nachmittag ist längst erloschen, doch ich möchte allen danken, bei denen Janas Licht noch immer flackert!

Hinter dem Horizont

Posted in Allgemein with tags , , , on 17. März 2010 by Karin Wess

Jana hatte trotz ihrer schrecklichen Diagnose das unsagbare Glück, nicht alle „typischen“ Krankheitsmerkmale durchleben zu müssen. So durfte sie bis zum Schluss allem Blödsinn lauschen, den ich ihr im Lauf des Tages erzählte und hörte auch jedes liebevolle Wort, das ich ihr zuflüsterte, während ich ihre Hand hielt oder wir kuschelten.

Es gab keinerlei epileptische Anfälle und sie nahm seit Oktober im Grunde keine Medikamente mehr (nur ausnahmsweise ein wenig Schlafmittel für die Nacht).

Sie hat lieber an Pikantem als an Süßem genascht und hat sogar Bananen gekostet. Sie liebte das Baden und noch mehr meine Kopfmassage, die es nicht nur in der Badewanne gab. Sie seufzte so unglaublich süß wenn sie zufrieden war und ließ uns deutlich merken, wenn etwas nicht in Ordnung war.

Auch ohne Worte sprach sie so viel mit mir und blickte ebenso in mein Herz. Ich weinte mit ihr und um sie. Jetzt mehr denn je.

Dennoch bin ich dankbar, dass sie sich entschieden hatte für eine so lange Zeit bei uns zu bleiben und nicht schon im April 2009 zu gehen. In meinem Herzen wird sie immer eine unendliche Lücke hinterlassen, die sich niemals schließen wird. Doch gemeinsam mit ihr, werde ich eines Tages wohl meinen Weg zu ihr zurück finden. Denn vielleicht sehen wir uns hinter dem Horizont wieder.

Die ganze Welt ist ein Friedhof

Posted in Allgemein with tags , on 17. März 2010 by Karin Wess

Die ganze Erde, auf der wir leben, ist ein Friedhof. Ein immens großer Friedhof all dessen, was gewesen ist. Wenn wir anfangen würden zu graben, fänden wir überall zu Staub zerfallene Knochen, die Überreste des Lebenes. Millionen und Abermillionen Lebewesen. Und dennoch sind sie alle da. Wir laufen ständig über einen unendlich großen Friedhof. Das ist eigenartig, denn wir stellen uns Friedhöfe immer wie Orte der Trauer vor, Orte des Leidens und der Tränen. Dieser immense Friedhof aber, die Erde, ist wunderschön! Mit all den Blumen, die darauf wachsen, mit all den Ameisen und Elefanten, die darüberlaufen.

Auch wenn es nicht meine Gedanken sind, finde ich sie wunderschön und sie haben mir schon über viele traurige Momente der letzten Monate hinweggeholfen. Die Passage ist aus dem Buch „Das Ende ist mein Anfang“. Es erzählt die Geschichte von Tiziano Terzani, einem italienischen Schriftsteller und Journalisten der seinem Sohn von seinem Leben erzählt.

Nichts im Universum geht verloren, alles entsteht aus allem und bleibt immer bestehen, selbst wenn sich die sichtbare Form verändert. Niemand weiß, warum sich die Atome zusammenschließen und uns Atmen lassen. Und niemand weiß, wer ihnen sagt, dass sie ihre Verbindung wieder lösen sollen, nachdem unser Atem versiegte.

Heute geht es mir nicht gut. Ich habe Angst vor Freitag, vor dem letzten Abschied. Kann teilweise kaum Atmen und der Schmerz scheint unerträglich. Doch zu wissen, dass Jana immer überall sein wird, gibt mir ein klein wenig Kraft zu hoffen, dass dieser Tag irgendwann vorübergeht.

Rollkragen oder Ausschnitt

Posted in Allgemein with tags , , , on 16. März 2010 by Karin Wess

Da ich täglich viele Stunden mit Jana gekuschelt habe, einerseits um sie warm zu halten, andererseits natürlich auch einfach weil es so unglaublich schön war, habe ich immer Sachen angezogen, die beim Kuscheln nicht hinderlich waren.

Auch bei minus 15°C gab’s für mich keinen Rollkragenpullover, sondern ein Shirt mit Ausschnitt. So spürte sie statt Wollfasern meine Haut. Und ich ihren Atem. Jetzt… jetzt stehe ich morgens vorm Kleiderschrank und weiß nicht, was ich nehmen soll. So viele Sachen hatte ich Monate lang schon nicht mehr an. Sie jetzt zu tragen kommt mir fremd vor, als wären es nicht meine. Darum trage ich immer noch Kuschel-Sachen.

Alles nur für Jana

Posted in Allgemein with tags , , on 15. März 2010 by Karin Wess

Von den Gefühlen und Gedanken hin- und hergerissen, ist heute der bis jetzt komischste aller Tage. Jana ist erst knapp 60 Stunden nicht mehr bei uns und doch ist schon so unglaublich viel passiert.

Wir waren im Bestattungsinstitut (bei dem ich die Betreuung übrigens schrecklich fand!) und haben Janas Beerdigung für kommenden Freitag den 19. März 2010 fixiert. Wir haben wunderschöne Fotoalben gekauft, Partenzettel verschickt, Blumenschmuck bestellt und ihre Grabstelle ausgewählt. Das alles innerhalb nur weniger Stunden.

Beim Beerdigungsinstitut war ich nur „anwesend“, konnte kaum klar denken. Danach lief jedoch alles wie im Film ab. Nun werde ich mich um die eigentliche Zeremonie kümmern, damit diese genauso wunderschön wie ihre Taufe wird. Auch wenn das jetzt befremdlich klingen mag, die Blumen und Farben für sie zu wählen machte mir sogar Freude. Weil ich JETZT nämlich noch etwas für sie tun kann! Alles Tun und diese Termine heute, das machte ich für sie, für meine kleine Jana. Doch was mache ich, wenn der Freitag erst vorbei ist und ich nichts mehr für sie tun kann, weil es nichts mehr zu tun gibt? Was dann?