Archiv für Januar, 2010

Morgen

Posted in Allgemein with tags , on 31. Januar 2010 by Karin Wess

Seit Janas Diagnose ist es mir kaum mehr passiert. Ich kann mich eigentlich gar nicht so recht daran erinnern, seit 16. Jänner 2009 überhaupt wieder irgendetwas auf „morgen“ verschoben zu haben. Nein, ich habe seitdem immer alles gleich gemacht. Ob es der Abwasch war, Staubwischen, eine Freundin anrufen von der ich schon lange nichts mehr hörte, mir ein Buch kaufen oder einfach meine Gedanken niederzuschreiben.

Nein, es gibt keinen Moment, an den ich mich bewusst erinnern kann in dem ich etwas auf „morgen“ verschob. Bis auf einen. Ein winzig kleiner Augenblick. Es war vorgestern. Jana lag gerade so süß neben mir und ich wollte sie einfach nur in den Arm nehmen. Hoch nehmen, sie an mich drücken, in ihrer unglaublich eigenwilligen Frisur stöbern und ihre kleinen Finger berühren. Wollte ihren Atem nicht nur sehen, sondern spüren, ihre Wärme wahrnehmen und ihr von meiner etwas abgeben. Doch ich zögerte. Verharrte einfach bei dem Anblick und verschob es dann doch auf morgen. Ich wollte sie nicht wecken.

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Für unsere Prinzessin

Posted in Allgemein with tags , on 17. Januar 2010 by Karin Wess

Gleich noch am Tag von Janas Geburt, dem 14. Juni 2009, 03.23 hat Papa dieses Lied für dich gespielt. So oft haben wir es gemeinsam gehört und noch viel öfter haben wir dir voller Ehrfurcht, Stolz und Freude beim Schlafen zugesehen. Ich hoffe, du gibst uns noch oft die Gelegenheit dazu.

Das, liebste Jana, ist für dich!
Ich trage dich immer bei mir.
Mama

11.27

Posted in Allgemein with tags , , on 16. Januar 2010 by Karin Wess

Ich habe seit Tagen kaum geschlafen, bin nervös und angespannt, so hoffnungsvoll und auch verzweifelt. Es war gerade Visite – doch niemand kam zu uns. Unser Gespräch ist „gegen Mittag“. Was für eine Unart, keine Zeit für einen Termin zu vereinbaren und den Zeitraum so vage festzulegen.

Jana ist frisch gewickelt und richtig süß in ihrem rosa Strampler. Ein weißes Hemdchen das bereit ist, mit Karotten bekleckert zu werden. Papa versucht gerade, sie ein wenig zu füttern. Sie hat seit Tagen nichts gegessen und bekommt nur Infusionen, auch das Stillen klappt nicht. Weil die Sekunden schier zu Stunden werden, gehe ich am Gang vor unserem Zimmer ein wenig Spazieren.

Im Stiegenhaus hängt ein großes Plakat und obwohl ich es lese, habe ich keine Ahnung davon, was dort steht. Im Augenwinkel sehe ich eine Frau eilig die Stufen zu mir hochkommen. Als sie mich sieht, verändert sich ihre komplette Haltung, ihr Gesichtsausdruck wird starr und traurig. Im Vorübergehen streift sie mir kurz über die Schulter und sagt: Wir kommen gleich.

„Wir wären so weit.“, sagt eine ruhige Stimme. Doch ich blocke ab. „Jana isst gerade Karotten. Wir brauchen noch ein paar Minuten.“. Aus „gegen Mittag“ wird nun 11.25 Uhr.

Ich gehe wieder ins Zimmer. Jana sitzt bei Papa und die beiden löffeln noch immer Karotten. „Sie kommen gleich“, sage ich leise und versuche noch irgendwie, Haltung zu bewahren.

Es ist 11.27 Uhr und alles was gesagt wird, ist ein Augenaufschlag. Ein Blick, der mir verrät, das meine Kleine das schwerste aller Lose gezogen hat. Was danach kam, ich weiß es kaum mehr. Bruchstücke fliegen durch meinen Kopf, Gesprächsfetzen klammern sich an meine Erinnerung wie ein Vogel im Sturm an seinen Baum.

Ein Name, Morbus Krabbe, der Krankheitsverlauf, Tod. Nein, ich will keine Details. Ich wollte doch noch nicht mal den Namen. Ich will…

Ich sitze am Boden, weine, kann es nicht mehr kontrollieren. Jana ist ganz still in Papas Arm. Er hält sie fest – oder sie ihn. Eine Stimme ist plötzlich neben mir. Sie hält mich im Arm.

„Wird Jana jemals laufen können?“
„Nein, wird sie nicht“

„Und… wird sie jemals sprechen können?“
„Nein.“

Und irgendwann zuvor hörte ich „…vielleicht wird sie 1 Jahr…“

365 Tage sind seit diesen Minuten vergangen. Minuten die ich nicht mehr streichen, nie wieder vergessen kann. Minuten, die länger waren als das letzte Jahr. Und schmerzhafter.

Dennoch, 365 Tage sind rasch vorbei. Was mir wie eine Ewigkeit daran vorkommt, sind einzelne Augenblicke der Verzweiflung, der Angst, aber auch der Hoffnung und Dankbarkeit.

Jana ist heute schmerzfrei, bekommt keine Medikament und sie hört noch immer. Ich lese ihr „Der kleine Prinz“ vor und sie schlummert jedesmal dabei ein. Ich lese trotzdem weiter. Wir machen Turnstunden und Spielen auf unsere Art. Wir Kuscheln viel und meistens habe ich die Kraft dazu, es auch richtig zu genießen.