Archiv für September, 2009

Das verrutschte Bild

Posted in Allgemein with tags , , , , , on 8. September 2009 by Karin Wess

Oder: In manchen Augenblicken ist alles so real.

Letzten Sonntag war es, es sollte ein gemütlicher Familien-Sonntag werden. Doch ich saß nur im Garten, tränenüberströmt und einsam wie selten zuvor. Aber der Reihe nach.

Alle waren da. Endlich mal wieder. Ich hatte mich sehr gefreut auf diesen Tag, doch beim Essen geschah es. Mein Blick fiel auf die Wand gegenüber. Die „Ahnengalerie“. Fotos aller Kinder, Enkelkinder, der Familie und Freunde. Darunter auch ein Bild von Jana. Doch genau dieses Bild war es, das mich nicht mehr los ließ. Eines der wenigen noch ungerahmten Bilder, eingeklemmt hinter dem Rahmen eines anderen. Weiter kein Problem. Doch Janas Bild war verrutscht. Alles was noch sichtbar war, war ihr kleiner Arm und das Gelb ihres Stillkissens in das sie eingekuschelt war. Es war weniger das, was ich sah, als das was ich nicht sah. Ihr Gesicht. Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen. Es war verrutscht, hinter den Rahmen des anderen Bildes.

Und da wurde es mir klar: Es würde der Tag kommen, an dem ich ihr kleines Gesicht nicht wieder sehen konnte. Nie wieder. Es würde eines Tages verschwinden. Ganz. Vollkommen. Unwiderbringlich.

Ich musste nur noch weg. Weg von diesem Gedanken, weg von dem verrutschten Bild und hin zu Jana, ihr Gesicht sehen, sie berühren, sie einschließen – alles gerade rücken. Doch sie war nicht da. Sie war nicht bei mir. Sie war 200 km weit weg und alles was mir blieb war der Himmel, ein Rosenbusch, meine Tränen, die Sehnsucht nach ihr und die Angst, alleine zu sein.

Wenn die Realität plötzlich real wird und man seine Ängste spürt, spürt man aber auch die Liebe. Die Liebe und diese unzerstörbare Verbindung. Eine Verbindung, die auch nach dem Tod noch bestehen wird. Ganz und vollkommen.

Ja, es gibt sie – die schönen Momente

Posted in Allgemein with tags , , , , on 4. September 2009 by Karin Wess

Eltern besonderer Kinder haben eine unglaubliche Aufgabe. Die Aufgabe, ihr Kind zu begleiten, den Schmerz und die Trauer zu bewältigen, die Ohnmacht zu besiegen und unerlässlich Kraft zu tanken – woher auch immer sie kommen mag.

Doch es gibt Stunden, Tage und Wochen, an denen scheinbar nichts mehr geht. An denen Ohnmacht und Hilflosigkeit überwiegen und Wut und Gleichgültigkeit sich breit machen. Momente, in denen alles aus dem Gleichgewicht gerät.

Und während die Welt schaukelt, man den Boden unter den Füßen verliert und taumelnd durch seinen eigenen Alptraum wankt, dreht sich die Welt dennoch weiter.

Und genau in diesen Momenten passieren sie – die schönen Dinge. Kleinigkeiten, die anderen meist verborgen bleiben. Die kleinsten der kleinen Wunder. Ein Augenblick. Vergänglich und trotzdem für immer eingebrannt.

Auch wenn es oft so schwer fällt, diese Augenblicke wahrzunehmen, offen und vor allem dankbar dafür zu sein, sie es im Endeffekt genau diese kleinen Momente, die wieder Kraft geben für den neuen Tag. So wie Janas unglaublich süßes Schmatzen als sie zum aller ersten Mal ein Stückchen Banana kostete.