Berührungsängste und Isolation


Kurz nachdem wir Janas Diagnose erhalten hatten, hat es begonnen. Zuerst nur schleichend, fast unscheinbar. Doch während der nächsten Wochen hat es sich immer deutlicher herauskristallisiert – die Isolation.

Mehr und mehr Freunde zogen sich zurück, hatten regelrecht Angst davor, uns zu kontaktieren, mal anzurufen oder uns zu besuchen. Denn als sie merkten, dass deren Suche nach den richtigen, für uns passenden Worten sinnlos war, hielten sie es für richtiger, sich gar nicht zu melden. Zu groß war die Angst davor, etwas „falsch“ zu machen.

Und die Folge? Wir waren allein. Allein mit all dem Schmerz, der Trauer, den Ängsten, Wünschen und Hoffnungen. Allein mit der gewaltigen Diagnose, dass unser kleiner Engel sterben würde.

Trotzdem versuchte ich, jeden Tag zu lernen. Zu lernen, was das Leben uns allen bietet, zu sagen und zu tun was ich wollte und unterließ, was ich nicht für richtig hielt. Ich wurde weniger kompromissbereit als zuvor und hörte wieder sehr genau auf mein Bauchgefühl. Ich achtete noch gezielter darauf, Jana jeden Wunsch von den Augen abzulesen und ihr jede Minute so angenehm wie möglich zu machen.

All das kostete unendlich viel Kraft. Vieles davon kam und kommt aus meinem tiefsten Inneren, einiges davon auch aus Gesprächen mit Menschen die uns begleiten (Psychologen, Ärzte, Heimhilfe,…) und natürlich auch von Freunden.

Doch vielen fiel es unglaublich schwer, mit uns Kontakt aufzunehmen. Uns mal anzurufen oder eine E-Mail zu senden. Keiner wollte stören. Dabei wollten wir doch nicht mehr, als dass jemand da ist für uns, einfach mal zuhört, uns nicht ausgrenzt.

Aber es gibt auch Menschen, die diesen Weg nicht mit uns gehen können. In einer Welt, in der jeder versucht immer jünger zu sein als er ist, das Alter verleugnet wird und alte Menschen selten entsprechend respektiert werden, fällt es umso schwerer, von einem Kind Abschied zu nehmen.

Keiner von uns hat gelernt, mit dem Tod umzugehen, denn er wird tabuisiert in unserer Gesellschaft. Dabei sind gerade Kinder völlig furchtlos was den Tod betrifft. Ganz im Gegenteil. Viele Kinder wissen schon Wochen und Tage zuvor, wann es soweit sein wird und beginnen sich zu verabschieden und darauf vorzubereiten. Diese Kinder drücken das oft in Zeichnungen aus oder sprechen sogar offen über „helle Wesen“ die ihnen sagten, was kommen wird. Selbst Kinder von Unfällen, haben oft am Tag ihres plötzlichen Todes noch „Abschiedsbriefe“ geschrieben oder entsprechende Zeichnungen gemalt. Das Wissen über diese Furchtlosigkeit hilft mir ungemein.

Jana hat eine Aufgabe und sie hat diese rasch zu erledigen. Ihr Auftrag ist nur ein kurzer, dafür aber umso bedeutender. Sie hat mir schon viel gezeigt und wird mir noch unendlich mehr zeigen. Mir und jedem, der bereit ist und die Kraft hat, uns zu begleiten. Das dieser Weg auch sehr traurig und schmerzhaft sein wird, ist mir nur allzu bewusst. Doch was immer bleiben wird, ist grenzenlos tiefe Liebe und die unendlich schöne Erinnerung an sie und an jeden Tag, den ich bei ihr sein durfte.

Wer seine Berührungsängste überwindet, offen auf die Eltern kranker und besonderer Kinder zugeht, wird lernen und wachsen. Wer es wagt, diese kleinen Reisenden zu begleiten und offen ist für die Dinge die sie uns zeigen, wird sein eigenes und unser aller Leben bereichern. Die betroffenen Eltern brauchen keine „richtigen“ Worte, sie brauchen Kraft, Stütze und Hilfe um diesen Weg zu meistern. Vielleicht hilft eine Tasse Tee oder ein Einkauf der schnell mal erledigt wird, aber oft reicht schon die alleinige Anwesenheit von Freunden.

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5 Antworten to “Berührungsängste und Isolation”

  1. Hallo…
    mein Name ist Isabelle und ich bin diejenige die das Video über Noah veröffentlicht hat.
    Ich weiß das es schwer ist den wichtigsten Menschen in seinem Leben zu verlieren. Und ich weiß das es noch schlimmer ist jeden Tag damit leben zu müssen das dieser Mensch sterben wird und man nichts dagegen tun kann!
    Man steht einfach hilflos daneben. Und obwohl man sein Kind beschützen will kann man es nicht.
    Ich weiß das es schwer ist sich damit abzufinden. Doch es ist möglich.
    Und irgendwann wird auch die Trauer und der Schmerz in einem vergehen und man lernt wieder zu lachen und man sieht wieder das positive im Leben.
    Mein Cousin ist mittlerweile schon über 1 Jahr tot und auch wenn ich es niemals für möglich gehalten habe muss ich nicht mehr weinen wenn ich an ihn denke. Es ist nicht mehr schmerzhaft an ihn zu denken oder über ihn zu reden, denn ich denke positiv!
    Denk an die Dinge die dir dein kleiner Engel jeden Tag gibt. Denk an das Lächeln deiner Tochter und an das was sie dir und deiner Familie schon alles beigebracht hat! Wie du schon sagtest sie hat eine Aufgabe auf dieser Welt. Und ich glaube sie hat sie schon längst erfüllt. Denn sie hat warscheinlich mehr Menschen berührt als manche Menschen in ihrem ganzen Leben.

    Ich wünsche euch ganz viel Glück auf eurem weiteren Weg den ihr noch mit eurer Tochter gehen werdet. Ihr solltet jeden Moment mit ihr genießen, denn ihr werdet keinen dieser Momente jemals bereuen…

    Liebe Grüße Isabelle

  2. atemzuege Says:

    Liebe Isabelle,

    vielen Dank für deine Worte. Besonders schön finde ich deine Aussage, die du bezüglich Janas Aufgabe gemacht hast – sie habe wahrscheinlich mehr Menschen berührt, als manche Menschen in ihrem ganzen Leben. Das ist ein sehr schöner Gedanke!

    Alles Liebe auch für euch!
    Karin

  3. Ich hoffe ich konnte dir damit zeigen das ihr nicht alleine seit mit euren Problemen und euren Ängsten. Und das es Menschen gibt die euch versuchen zu verstehen!
    Euer Kind ist etwas ganz Besonderes!
    Und eine kleine Kämpferin!
    Vergesst das niemals!

  4. Liebe Karin,
    wir haben uns schon bei den Rehakids geschrieben und darüber bin ich auch zu Deinem Block gelangt.
    Die Parallelen zwischen unseren Kindern haben wir ja schon festgestellt, aber zwischen uns gibt es sie eindeutig auch.
    Ich habe auch jedem der es hören wollte erzählt, dass Ben für eine bestimmte Aufgabe auf die Welt gekommen ist, er hat seine Aufgabe großartig gemeistert und ist dann wieder zurück zu seinen Engeln gegangen.

    Jana meistert ihre Aufgabe auch großartig. Das Wissen darüber hilft an diesen schlechten Tagen an denen man es vielleicht mal nicht schafft zu lachen.

    Ich bin stolz auf unsere Kämpfer!
    Alles Liebe
    Dani mit Ben im Herzen

  5. Liebe Karin,
    was du hier schreibst ist sehr wahr. Seit einer Woche weiß ich das die kleine Tochter einer Bekannten an Morbus Krabbe erkrankt ist. Seitdem drehen sich alle Gedanken darum wie man am besten Kontakt aufnehmen kann ohne aufdringlich zu wirken oder etwas falsches zu sagen, jedoch denke ich auch das es falsch ist gar nichts zu sagen. Vielleicht hilft es wenigstens etwas, zu wissen dass andere Anteil nehmen an dem was gerade passiert. Ich kann wahrscheinlich nicht einmal erahnen was es für ein Gefühl ist sein Kind irgendwann gehen lassen zu müssen, auch ich bin Mutter und irgendwie hat man immer Sorge irgendetwas könnte passieren, aber das sind normale Sorgen die wahrscheinlich alle Eltern haben und nicht zu vergleichen mit dem Schicksal das euch getroffen hat. Ich schaue hier seit ich von der Erkrankung weiß immer mal wieder rein und hoffe euch geht es gut. Mit diesem Text hier hast du einen Nerv getroffen, denn jeder den ich im Moment treffe macht sich gedanken darüber wie man sich verhalten soll. Ich wünsche euch alles Gute und das ihr noch ganz viel Zeit miteinander verbringen könnt. Ganz liebe Grüße an Jana! Ihr seid in meinen Gedanken!

    Gruß Bella

    PS.: Ich denke Jana hat sich eine tolle starke Mami ausgesucht!

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